Brand begrenzen statt nur abdecken – DIN 91489-1
Was die künftige DIN 91489-1 für Brandbegrenzungsdecken bei Elektrofahrzeugen bedeutet und warum eine einheitliche Grundlage gebraucht wird
Mit der wachsenden Zahl elektrisch angetriebener Fahrzeuge verändern sich die Anforderungen an den vorbeugenden und abwehrenden Brandschutz. Das betrifft längst nicht mehr nur Feuerwehren. Betreiber von Parkhäusern, Ladeparks und Tiefgaragen, Flughäfen, Bahnhöfen, Kommunen, Abschleppunternehmen und industrielle Anwender müssen ebenfalls klären, wie sich ein kritisches Elektrofahrzeug möglichst sicher von seiner Umgebung abschirmen lässt.
Brandbegrenzungsdecken können hierbei ein wichtiger Baustein sein. Sie werden über das Fahrzeug gezogen und sollen die räumliche Ausbreitung eines Feuers sowie die Rauch- und Wärmebelastung der Umgebung begrenzen. Der vorliegende Entwurf der DIN 91489-1 überführt die bisherige DIN SPEC 91489 in eine reguläre Norm und entwickelt die Anforderungen weiter.
Brandbegrenzung ist nicht gleich Löschen
Schon die Bezeichnung beschreibt den Zweck: Eine Brandbegrenzungsdecke soll die Ausbreitung räumlich begrenzen und zeitlich verzögern. Sie ist kein aktives Löschmittel und ersetzt weder das Brandschutzkonzept noch die Maßnahmen der Feuerwehr. Das ist bei einer beschädigten Traktionsbatterie besonders wichtig. Ein thermisches Durchgehen kann sich durch wärmeerzeugende Prozesse selbst verstärken; auch nach einer ersten Brandbekämpfung ist eine zeitversetzte Wiederentzündung möglich.
Der Entwurf benennt deshalb auch Grenzen: Die Decke bietet keinen zusätzlichen Berstschutz, verhindert die Rauchgasverteilung nicht vollständig und schützt nicht vor elektrischem Schlag. Sie soll Auswirkungen begrenzen und Zeit für weitere Maßnahmen gewinnen.
Für wen ist die Norm relevant?
Der Anwendungsbereich umfasst elektrisch angetriebene Pkw, leichte Nutzfahrzeuge, bestimmte leichte Kraftfahrzeuge und elektrische Flurförderfahrzeuge. Die Decken sind für vollständige Fahrzeuge vorgesehen, nicht für den direkten Einsatz auf einer ausgebauten Traktionsbatterie. Relevant ist die Norm damit unter anderem für öffentliche und private Parkhäuser, Bahnhöfe, Flughäfen, Ladeparks, Industrie und Logistik, Bergungsdienste, Verwahrplätze, Werkstätten und Flottenbetreiber.
Die Norm legt nicht fest, ob ein Betreiber Decken vorhalten muss oder wer sie einsetzen darf. Das bleibt Teil des jeweiligen Gefährdungs-, Einsatz- und Brandschutzkonzepts. Vorgesehen ist die Anwendung durch unterwiesene Personen. Eine pauschale Pflicht zur Bereitstellung in einem bestimmten Raster entsteht damit bislang nicht; für Betreiber, die Brandbegrenzungsdecken präventiv einplanen, entsteht jedoch eine technische Entscheidungsgrundlage.
Im Einsatz zählt mehr als das Material
Eine Decke kann hervorragende Materialwerte besitzen und trotzdem ungeeignet sein, wenn sie sich nicht schnell und eindeutig handhaben lässt. Für jedes Modell muss deshalb nachgewiesen werden, dass zwei Personen die im Behältnis gelagerte Decke innerhalb von 60 Sekunden über ein Fahrzeug definierter Mindestgröße ziehen können. Der Nachweis erfolgt sowohl an einem trockenen als auch an einem vollständig benässten Fahrzeug und wird per Video dokumentiert.
Vorgesehen sind Handhabungsschlaufen an mindestens allen vier Ecken. Bei nicht quadratischen Decken kennzeichnen rote Schlaufen die Zugseite. Markierungen an den Seitenmitten unterstützen die Positionierung; bei nur einseitig verwendbaren Decken muss die zum Fahrzeug gerichtete Seite eindeutig erkennbar sein. Unter Zeitdruck können gerade solche Details entscheidend sein.
Prüfung bei bis zu 1.000 Grad Celsius
Den technisch anspruchsvollsten Teil bilden die Prüfungen der thermischen Beständigkeit. Bei der ersten Prüfung wird eine repräsentative Probe direkt mit einer Brennerflamme beaufschlagt. Über 23 Minuten wechseln die vorgegebenen Temperaturen wiederholt zwischen 700 und 1.000 °C. Sind Materialbahnen vernäht, werden die besonders beanspruchten Nähte in die direkte Beflammung einbezogen.
Eine zweite Prüfung simuliert eine thermische Dauerbeanspruchung ohne direkte Flammeneinwirkung. Zum Abschluss wird die erhitzte Konstruktion mit einer definierten Wassermenge beaufschlagt. Damit berücksichtigt das Verfahren auch den Temperaturwechsel durch Löschwasser. Bewertet werden unter anderem sichtbare Löcher und Risse, der Zustand der Nähte sowie bei der indirekten Prüfung ein möglicher Flammendurchtritt. Die textilen Flächen einschließlich möglicher Beschichtungen und Laminationen sollen nach dem Entwurf mindestens A2-s1, d0 (siehe DIN-Originalfassung) erreichen.
Zugkräfte, scharfe Kanten und Lagerung
Bei verunfallten Fahrzeugen können scharfkantige Karosserieteile auftreten. Der Entwurf fasst daher Anforderungen an die Schnittfestigkeit genauer und sieht zusätzlich eine Kategorie mit erhöhtem Schnittschutz vor. Auch Schlaufen und Deckenkonstruktion werden belastet: Eine diagonal gegenüberliegende Schlaufe muss zunächst 100 Kilogramm halten; anschließend fällt eine zusätzliche Masse von 25 Kilogramm aus rund 30 Zentimetern Höhe auf die Belastung. Offene Risse oder das Abreißen einer belasteten Schlaufe bedeuten, dass die Prüfung nicht bestanden ist.
Die Einsatzbereitschaft beginnt bereits bei der Lagerung. Das mitgelieferte Behältnis soll die Funktion dauerhaft erhalten und mindestens der Schutzart IP45 entsprechen, in der Praxis hat sich zwischenzeitlich die Schutzart IP67 etabliert. Herstellerinformationen müssen unter anderem Reinigung, Sichtprüfung, Lebensdauer, Wiederverwendung und Entsorgung behandeln. Vorgesehen sind außerdem eine wasserdichte Dokumententasche zur Fahrzeugidentifikation und eine Angabe zur Hochfrequenzdurchlässigkeit, da eine Decke eCall-, Mobilfunk- oder Warnsysteme beeinträchtigen könnte.
Mehr Vergleichbarkeit, mehr Investitionssicherheit
Für private, gewerbliche und öffentliche Betreiber ist eine Brandbegrenzungsdecke keine kurzfristige Verbrauchsanschaffung. Sie muss zu Fahrzeuggrößen, Nutzungskonzept, Lagerort und organisatorischen Abläufen passen. Gleichzeitig sollte nachvollziehbar sein, ob versprochene Eigenschaften tatsächlich geprüft wurden. Die künftige DIN schafft hierfür eine gemeinsame technische Sprache zwischen Herstellern, Prüfinstituten, Planern, Betreibern und Einsatzkräften.
Kurzcheck für die Beschaffung
- EIGNUNG: Passt die Decke zu den vorgesehenen Fahrzeuggrößen und Einsatzorten?
- NACHWEISE: Sind thermische, mechanische und praktische Anwendungsprüfungen dokumentiert?
- HANDHABUNG: Sind Zugseite, Fahrzeugseite und Seitenmitten eindeutig markiert?
- SYSTEM: Gehören ein geeignetes IP45 (IP67)-Behältnis und verständliche Herstellerinformationen dazu?
- BETRIEB: Sind Reinigung, Sichtprüfung, Wiederverwendung, Funkdurchlässigkeit und Entsorgung geklärt?
Von der Norm zur praxistauglichen Lösung
Normgerechte Prüfungen sind unverzichtbar, machen für sich allein aber noch keine gute Anwendungslösung. Entscheidend ist, die Anforderungen in ein System zu übersetzen, das sich lagern, transportieren, entfalten und sicher positionieren lässt. Hier zahlt sich Erfahrung mit Hochtemperaturtextilien, Beschichtungen, Nähten und mechanisch belastbaren Verbindungselementen aus.
Als Unternehmen, das sich seit 1990 mit industriellem Hitzeschutz beschäftigt, kann die Fingerhuth Hitzeschutz- und Textiltechnik GmbH & Co. KG (Fingerhuth HeatProtection) diese Erfahrung nutzen, um Brandbegrenzungsdecken für unterschiedliche Fahrzeuggrößen und Einsatzkonzepte zu entwickeln. Der Normenbezug bildet die gemeinsame Grundlage; die konkrete Ausführung muss sich am tatsächlichen Bedarf orientieren. Die neue DIN ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung und kein Brandschutzkonzept. Sie kann aber dafür sorgen, dass Betreiber bei einer sicherheitsrelevanten Investition die richtigen Fragen stellen und belastbare Nachweise erwarten können.
REDAKTIONELLER HINWEIS Der Beitrag basiert auf dem zum Redaktionsschluss vorliegenden Entwurf der DIN 91489-1. Bis zur endgültigen Veröffentlichung können sich einzelne Anforderungen und Formulierungen noch ändern.